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Ostern in Schwedeneck

Ostern in Schwedeneck

Raus aus der Komfortzone

Das Wichtigste, keiner von uns ist gekentert. Was zunächst banal erscheint, ist bei den Rahmenbedingungen gar nicht so selbstverständlich, zumindest für einige der elfköpfigen Gruppe, die sich von den widrigen Wetterprognosen nicht davon abhalten ließ, über die Ostertage zum Schwedeneck an der schleswig-holsteinischen Ostsee-Küste aufzubrechen. Hinterher habe ich zumindest, na sagen wir mal, fast keinen Augenblick bereut. Eine Frage der Perspektive und des Könnens. Zusätzliche Kurzboote laden, auf Kulturprogramm oder Sauna ausweichen, lauteten einige Ideen, die bei den angekündigten bis zu sieben Windstärken vorab hektisch diskutiert wurden.

Etwas sorgenvoll blicke ich der Fahrt schon entgegen. Auf der Unterweser bin ich zwar schon häufiger gepaddelt, habe an der Tiden-Rallye in Nordenham teilgenommen, auch im Hallenbad den Wiedereinstieg geübt und ein RST gemacht, aber eine Fahrt auf dem Meer ist für mich eine Premiere. Aber wenn Detlev und Marc mir eine Fahrt anbieten und sie es mir zutrauen, weiß ich mich in guten Händen. Sie können das Risiko einschätzen, die Wetterwechsel gut voraussagen und wissen auch unter verschärften Bedingungen, was in einem Notfall zu tun ist. Das gibt Sicherheit.

Auf und ab geht das Boot

Am Donnerstag gehen wir nach unserer Ankunft gleich auf die Ostsee. Auf mich wirkt das Wasser schon sehr bewegt. Detlev schiebt die Boote ins Wasser. Es schaukelt unter mir beängstigend. Als ich wenden will, traue ich mich nicht zu kanten, leichte Panik ergreift mich, als ich quer zur Welle stehe. Aber ehe ich weiter abtreibe, eilt mir Marc zu Hilfe, gibt Kommandos, denen ich mit weichen Knien folge. Die eingebildete Gefahr ist rasch gebannt, souverän fühle ich mich noch nicht. Mal trägt die Welle das Boot nach oben, dann klatscht der Bug laut auf die Oberfläche, mal durchschneidet die Spitze die Massen, die das Deck überfluten. Der Wind peitscht mir das Wasser ins Gesicht, als würde mir jemand ein gefülltes Glas neben mir mit Schwung entleeren. Die Lippen schmecken salzig. Ob es regnet ist da schon einerlei. Vor uns kreuzt ein Kite-Surfer unsere Strecke, der sicher Spaß an dem heftigen Wind hat.

Nach einer Stunde haben wir gerade zwei Kilometer zurückgelegt. Die Anspannung wird mir bald zu viel – wir müssen ja auch noch zurück. Konditionell könnte ich dagegen noch länger gegen den Wind anpaddeln. Da drehen wir auch schon um, ohne dass ich etwas sagen müsste. Der Rückenwind trägt uns in einer viertel Stunde zurück. Aber die Eierei scheint noch gefährlicher, das Risiko mit einem unbedachten Schlag eine Havarie herbei zu führen oder einen Paddelfreund in Not zu bringen, noch größer. Ich bin froh, als ich wieder sicheren Grund spüre. „Mit dem Pilgrim hast du auch ein Boot, das für Wellen gemacht ist“, ermutigt mich Sabine Meinke. Und dann sagte Detlev den Satz, der zu unserem Running Gag werden sollte: „Du musst auch mal aus der Komfortzone rausgehen!“

Abends beim Wein nach dem Essen erklärt Detlev noch einmal die Bildung von Wellen und wann sie gefährlich sind. Kraft haben sie hier jedenfalls nicht, es geht nur auf und ab, merke ich mir für die nächsten Tage. Mit dem Wind sieht das schon ganz anders aus. Ich bin froh, dass an den beiden nächsten Tagen mit der Schlei und der Schwentine zwei Flüsse auf dem Programm stehen, aber es sind auch welche, die sich stellenweise seeartig weiten.

Wir setzen in Arnis neben der Autofähre in die Schlei ein. Hier bläst es noch ordentlich und wir müssen aufpassen, dass wir nicht so nahe an die Fähre treiben. Richtung Kappeln wird es aber deutlich ruhiger. In der Ferne sehen wir zahlreiche Boote, es sind allesamt Angler, die auf Hering aus sind. Auch Reusen liegen hier. Die schöne Altstadt lassen wir links liegen und fahren bis zum Mündungstrichter der Schlei, vorbei an einem Albatros, einer der Galionsfiguren der Gorch Fock wie Svend zu berichten weiß. Ich bin so mutig und entscheide mich auf dem Rückweg noch ein Stück weiter die Schlei stromaufwärts zu fahren. So schwierig ist es schon nicht mehr, oder ist das schon der Gewöhnungseffekt? Mein Mut wird mit einem leckeren Rhabarber-Kuchen im Pavillon der Strandbar belohnt, der uns vor dem frischen Wind schützt. Dort den breiten Fluss zu kreuzen, ist wieder eine etwas haarige Sache und auf einen Segler müssen wir auch noch achten. Auf dem Rückweg gelingt es mir dann hin und wieder, auf der Welle zu surfen und richtig schnell zu werden. Das macht Spaß. Aber bloß nicht übermütig werden.

Geselliges Kochen

Peatnuts & Meer heißt unser gemütliches, gut ausgestattetes und geschmackvoll eingerichtetes Hostel, das Sabine Schröter für uns ausgesucht hat. Dort versorgen wir uns selbst. Haus und Standort sind sehr (www.hostel-und-meer.de) zu empfehlen, allerdings so abgeschieden neben einem Wasserwerk und Altenheim gelegen, dass man zunächst denkt, sich verfahren zu haben. Bis zum Wasser sind es ein paar Kilometer.

Nachdem am Vorabend Svend und Sabine die hungrige Elf bekocht haben, sind Renate und ich dran: Blumenkohl-Curry mit Kichererbsen und Reis. Gut, dass Sabine noch einen großen Topf mitgenommen hat, denn es kommen schon einige Mengen zusammen: Drei Kohlköpfe, zwei Liter Kokosmilch, ein Berg Cashews … und bloß nicht zu viel Chili! Am Ende haben wir so viel gekocht, dass wir auch noch zwei hungrige Wanderer durchfüttern konnten und genug für ein Resteessen am nächsten Tag hatten, das Silke und Ann-Christin noch mit einem herrlichen Obstsalat bereicherten.

Ostersonntag bleibt es trocken, die Sonne scheint und die Ostsee ist ruhig wie selten. Endlich mal nicht angespannt im Boot sitzen zu müssen und in Ruhe, die Mini-Steil-Küste zu betrachten, die mit ihrem satten Grün an Irland erinnert, ist angenehm. In der Ferne sehen wir einen großen, zweimastigen Segler neben einem großen Containerschiff, das nur langsam vorankommt. Was für ein Kontrast! In 100 Minuten haben wir den Leuchtturm erreicht. Auf dem Rückweg sind wir deutlich schneller. Der „Blaue Seestern“ von Hüseyin und seiner Frau ist unser Ziel am Abend. Hier gibt es ganze Dorade mit Spinat, Köfte und einen gefüllten Blumentopf als Nachtisch und einiges mehr. Empfehlenswert. Sie sind auch ein nettes Paar. Am Tag des türkischen Referendums kommen wir natürlich auf die politische Situation in seiner alten Heimat zu sprechen und seine Sorgen, was aus Freunden und Bekannten wird. Sehr nett.

Under the Rainbow

Dass es auch auf der Schwentine nicht einfach werden würde, ist schon beim Einsetzen zu erahnen, obwohl wir uns abseits in einer Bucht in Plön befinden. Rasch treiben wir ans Ufer und, nachdem wir die Brücke passiert haben, trifft es uns auf dem Kleinen Plöner See mit Wucht. Detlev ruft uns den Kurs zu: 1-8-0 und wir kämpfen gegen die Wellen das gegenüberliegende Ufer vor Augen, das nur langsam näher rückt. Nach der ersten Ladung Wasser ins Gesicht muss man den Kompass erst einmal durch die bespritzte Brille erkennen können. Der größte Unterschied zum stürmischeren Meer: das Wasser schmeckt nicht salzig. Aber schon bald wird es gemächlicher. Wir haben den Fluss fast für uns alleine, riechen den Frühling, genießen das satte Grün, sehen einen Seeadler und an Land einen Fischotter. Der Wellengang auf dem Lanker See ist heftig, weiße Schaumkronen tanzen auf den Wellen. So entscheiden wir uns, gegen die leichte Strömung zurück zu paddeln. Am besten, von Bucht zu Bucht, das Kehrwasser nutzend, so ähnlich wollen wir es auch später auf dem See machen. Zuvor haut mich eine heftige Böe fast um. Windstärke 7, das sind mehr als 50 Stundenkilometer. Eine echte Wucht also. Die gekräuselte Wasseroberfläche hatte sie einen Moment zuvor angekündigt. Gerade kann ich durch Gewichtsverlagerung noch dagegenhalten. Viel Zeit blieb nicht. In meiner Ratlosigkeit und aus Angst, etwas falsch zu machen, halte ich das Paddel auf halber Höhe, ohne dass es das Wasser berührt. Ist natürlich falsch. Im Wasser sorgt das Blatt für Stabilität. „Das Paddel nicht unnötig hochhalten“, rät Detlev, „Heckruder nutzen“. Gerade noch in der größten Anspannung, da springt ein prächtiger Regenbogen ins Auge – es ist nicht der einzige in diesen Tagen. „Bei so einem Wind habe ich auch Respekt und bin angespannt“, sagt Sabine Meinke, als wir in einer windgeschützten Ecke pausieren. Wir warten einen günstigen Moment ab, um dann über die Wellen zum Ziel zu reiten. Ich bleibe dicht hinter Detlev und versuche mich an seinen Bewegungen zu orientieren. Als wir die Brücke erreichen, ist die Erleichterung groß

Wie von einem anderen Stern

Die Abschlusstour auf der Ostsee am Montag ist unbeschwert, kaum Wind noch Welle. Am Ende wird es noch etwas dramatisch. Nach unserer Pause bei Sonnenschein ziehen finstere Wolken auf. Der Wetterbericht sagte für 14 Uhr Regen voraus und scheint Recht zu behalten. Detlev warnt, dass bei dem Regen auch der Wind wieder deutlich auffrischen würde und so sputen wir uns. Backbord verfinsterte sich der Himmel immer stärker und wir sahen, wie in der Ferne der Regen runterprasselt. Bald treffen uns erste Tropfen. Da kommt uns ein Wasserbob entgegen. Dem Fahrer sieht man schon aus der Entfernung die Verwunderung an. Und das aus Dreifachem Grund: seine Kumpel folgen ihm nicht, er wird scheinbar schlagartig der aufziehenden Unwetterfront gewahr und perplex blickt er auf uns Paddler, als kämen wir von einem anderen Stern. Da bleibt ihm nichts anderes übrig, als nach kurzer Überlegung kehrt zu machen.

Beim Aufladen der Boote hatte der Regen dann richtig eingesetzt. Wir stärkten uns noch einmal bei Hüseyin mit Waffeln und Holunderkuchen, wärmten uns auf und fuhren dann überraschend staufrei nach Bremen. Auf unserem imaginären Bootstacho standen dann zwar nur gut 70 Kilometer, aber die waren aufregend und ereignisreich genug.

Text: Steffen Tost

Teilnehmer: Marc, Meike, Detlev, Sabine Meinke, Svend, Sabine Schröter, Renate, Steffen (Bremen), Lutz (Delmenhost), Silke und Ann-Christin (Oldenburg)

Fotos: Detlev Kalter