Kajak Aktiv

Obere Wümme bei sehr gutem Wasserstand und Sonnenschein

Mit Gummistiefeln auf dem Kleinfluss

Eigentlich wollten wir Anfang Oktober nach Hamburg fahren, auf der Alster und durch die Speicherstadt paddeln – doch Xavier machte uns einen kräftigen Strich durch die Rechnung. Statt uns zu ärgern, finden wir uns bei herrlichem Wetter am Sonntag an der oberen Wümme wieder. Kleinfluss und kurze Boote? Für viele ist das eher eine Schreckensvision, ist so eine Tour doch beschwerlich und verlangt auch einige technische Anforderungen vom Paddler, der, wenn er weniger versiert ist, bei manchen Hindernissen wieder den Rückwärtsgang einlegen und von neuem ansetzen muss. Das zehrt an den Kräften und kann auch manchmal kippelig sein. Ich spreche da aus Erfahrung. Das Wasser richtig zu lesen, das Kehrwasser zu erkennen und mit der Schnauze so in die Strömung zu gleiten, dass das Boot fast wie von selbst um die Kurve driftet, erfordert doch einige Erfahrung und Übung, will man nicht im Buschwerk landen. Und am Ende stehen dann doch nur 18 Kilometer auf dem Tacho. Gefühlt müsste da mehr stehen.

Immerhin fließt die Wümme schön, also ans Heckruder denken und gar nicht so viel Tempo machen. Mehrfach heißt es dann auch aussteigen und umtragen. Aber es hätte mühsamer sein können, wenn Detlev hierbei nicht immer wieder assistiert hätte. Was für ein Service! Jetzt bewärten sich auch die Gummistiefel, denn die Ufer waren feucht und matschig oder gar teilweise überflutet Und einmal haben wir das Glück, unter einem Baumriesen, der sich uns quer in den Weg gelegt hatte, aber nicht ganz ins Wasser eingetaucht ist, uns einfach mit ein wenig Geschick durch die Äste durch zu schlängeln. Riesenslalom auf dem Wasser.

Die Tour ist alles andere als eine Ersatzfahrt aus Verlegenheit. Dass am Ende doch alle strahlende Gesichter haben, liegt aber vor allem an der Fülle der unterschiedlichen Eindrücke, die uns auf der Strecke erwartet haben und den kleinen Abenteuer, die wir dank Detlev und Marc gut überstehen konnten. Ursprünglicher und wilder geht es kaum. Kraniche ziehen über uns hinweg und an der Spitzenposition genieße ich zwei Mal das Privileg, mehrere Rehe zu beobachten, wie sie am Uferbereich durch das seichte Wasser springen. Was gibt es schon reizvolleres, als nach heftigen Niederschlägen auf einen Kleinfluss zu gehen, der die meiste im Jahr ohnehin nicht zu befahren ist, weil die Ökologen oder der Wasserstand es verhindern! Aber am Ende wird deutlich, so viele Bäume sind durch Xavier gar nicht umgefallen. Die meisten Hindernisse sind schon älter. Der Wasserstand ist noch optimal. An einigen Brücken wurde es knapp. Da hieß es, Kopf einziehen. Einmal berührte mein Abstandhalter, der Knopf an meiner Basecap, den Brückenbeton. Ein kleiner Strich bleibt. Mich etwas tiefer zu bücken, das ging gerade noch.

Mit Gummistiefeln statt Schwimmweste ins Paddelboot? Die erste Brücke, die bei erhöhtem Wasserstand das Weiterfahren unmöglich machte, erreichten wir bald. Da sich das Aussteigen in unmittelbarer Nähe nicht anbot, verließen wir schon zuvor die Boote und wateten durch das mit Schilf gesäumte Ufer, bis mir das Wasser in die Stiefel rann. Dann hieß es wieder einsteigen und sich am Schilf entlanghangeln, bis wir wieder auf dem Fluss zurückkamen. So stellt sich der eingeborene Norddeutsche eine Dschungeltour vor. Manchmal hört man in der Ferne das dumpfe Brummen eines Motors als letztes Zeichen der Zivilisation. Irgendwann lässt sich kaum noch erkennen, wo die Wümme überhaupt fließt. Alles ist großflächig überspült, wir scheinen auf den Wümmewiesen zu paddeln. Da der Fluss sich in unzähligen, engen Kurven windet, liegt die Versuchung nahe, abzukürzen, doch das kann tückisch enden. Also besser immer brav in der Spur bleiben.

Und einmal gibt es auch eine ziemliche Durststrecke. Da schlängelt sich der Fluss nur wie ein schmaler Kanal durch das Schilf. Vernünftig paddeln lässt sich da nicht mehr. Mal bleibt man links, mal rechts mit dem Paddel hängen. Das zehrte doch an den Nerven. Als schließlich die Fintau bei Lauenbrück mündet, wird die Wümme wieder breit und ist ganz gemütlich zu befahren. Von Pegel ragt hier nur noch die Abdeckung aus dem Wasser.

Steffen Tost

Fotos: Detlev Kalter