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Ostern im Osten

Ostern im Osten

Der Schnee, der schon bald hinter Bremen die Felder wie mit Puderzucker bestäubt, deutet schnell an, dass die Fahrt zur Mecklenburgischen Seenplatte an Ostern eine Zeitreise werden würde. Frost statt Blüten. Dann kommen Ortschaften, die wie aus der Zeit gefallen zu sein scheinen. Einige Häuser wirken pittoresk wie ein Faller-Bausatz auf der Modelleisenbahn, andere haben die beste Zeit hinter sich und wirken unbewohnt. Abgesehen von den Supermärkten am Stadtrand fehlen oft Neubauten, viele Orte schrumpfen. Dann rappelt der Wagen über grobes Kopfsteinpflaster, um Schlaglöcher müssen wir einen Bogen fahren. Detlev hat schon das Foto eines ersten Schneemanns gepostet, den zumindest diejenigen bewundern können, die ein Netz haben, was in diesen Tagen keine Selbstverständlichkeit ist. Telefonieren klappt meist noch. Die Kronkorken mit dem Schlüssel weisen den Schneemann eindeutig als einen Bremer aus. Ihm werden noch weitere folgen. Besonders originell gerät Silke der Schneehase mit Schlappohren, den sie liebevoll auf dem Lukendeckel ihres Bootes platziert.

Schließlich erreichen wir hinter Mirow Fleether Mühle und finden uns leicht schockiert mitten in einer Baustelle wieder. Soljanka, die traditionelle säuerlich-scharfe Fleischsuppe, wird auf einem Schild beworben. Am nächsten Tag soll hier der Biergarten eröffnet werden. Irritiert fragen wir nach unserer Herberge und werden zur „gelben Baracke“ geschickt. Aber die Zimmer sind doch ganz schön, abgesehen von dem Hundesofa, auf dem angeblich ein Erwachsener Platz finden sollte. Silke schlägt kurzentschlossen und wacker ihr Zelt im Freien auf. VEG Demnitz-Fleeth steht auf dem Schild, das frisch poliert direkt vom Restaurator zu kommen scheint. In der Zeit der DDR wurde auf dem Volkseigenen Gut insbesondere Gänse- und Broilerzucht betrieben. Auf dem Gelände, wo schon im 13. Jahrhundert eine Mühle stand, wurden fünf Aufzuchthallen, ein Sechs-Wohneinheiten-Block, ein Lehrlings- und ein Ausbildungswohnheim sowie weitere Nebengebäude errichtet. Bis in die 50er Jahre hinein war die Mühle imstande, jegliches Getreide zu mahlen und zuzubereiten. 1955, als neue Technik eingeführt wurde, hat man dann die alten Maschinen und Apparaturen ausrangiert und verschrottet. Aus der leistungsfähigen Mühle wurde ein Mischfutterwerk, wie über die Geschichte im Netz zu lesen ist.

All das ist lange her. Das Gut war bereits in den letzten Kriegstagen stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Durch Brandstiftung im August 2001 war das Areal stark beschädigt worden. 2015 wurden die Reste einer Sägewerksruine und ein Großteil der alten Mahlmühle abgerissen. Die riesigen alten Wasserräder und diverse Metallteile, die beim Abriss stark beschädigt wurden, sind heute noch am Biergarten zu bewundern. So wirkt hier alles wie aus einer anderen Zeit. Für den Wiederaufbau, der langsam und stetig erfolgt, werden sogar die alten Backsteine verwendet.

Aber erst einmal gilt es, keine Zeit zu verlieren und eine Begrüßungsrunde auf dem Wasser zu drehen. Die einen gehen in Richtung Vilzsee und, da der Wind auffrischt, müssen sich, wie Detlev später erzählt, zentimeterweise vorarbeiten, dafür können sie auf der Rückfahrt umso entspannter auf der Welle surfen. Wir erkunden die Umgebung in der anderen Richtung, fahren entspannt auf dem Rätzsee, an Reusen und den für Mecklenburg-Vorpommern so typischen Holzhäusern vorbei, die an einigen Stellen am Ufer aufgereiht sind. Hier sind es Wohnhäuser, an anderer Stelle sind es auch Garagen, in denen sich dann die Freizeitboot verbergen. Die zu den Wohnhäusern gehörenden Ruderboote liegen auf dem Steg alle noch Kiel oben. Wir haben die Seen fast für uns. Begegnungen werden in diesen Tagen selten sein. Immerhin ein Freizeitdampfer ist in Mirow unterwegs. Dann schlängeln wir uns ein Stück durch die urwüchsigen Drosedover Bek, wo die Bäume so schief stehen, dass man glauben könnte, sie verneigten sich vor uns. Und mit den Spiegelungen auf dem Wasser sieht es dann noch attraktiver aus. Zurück können wir unsere Boote in einen Hühnerstall rollen, wo ansonsten das Indoor-Campen angeboten wird. Die Szenerie wirkt etwas bizarr. Die Zelte sind auf Sand aufgestellt, im Innern sind Camping-Liegen zu erkennen und davor stehen stählerne Tisch-Sitz-Kombis. Renate hatte zunächst mit dieser Übernachtungsform geliebäugelt, ist aber froh, dass sie sich nicht durchsetzen konnte.

Paddeln macht auch hungrig und für 13 Personen ein sättigendes Mahl zu zubereiten, ist schon eine Herausforderung – vor allem die richtigen Portionsgrößen zu finden. Gut, dass Sabine aus dem Hostel einen großen Topf eingepackt hat. Bei einem festen Quartier kommt es ja im Gegensatz zu einer Gepäckfahrt nicht auf jedes Gramm an. Für den ersten Abend hat sie ihn gleich mit einer verlockenden Gemüsesoße auf Linsenbasis für Pasta gefüllt. Da sie etwas dünn geraten ist, kann Svend an der großen Tafel noch eine wärmende Vorsuppe servieren, was gut passt, denn die fußkalte Wohnung muss erst noch richtig warm werden. Mit den beiden Sabines kommt am späten ersten Abend schon der Nachschub für den nächsten Tag und das, ganz wichtig, ohne Unterbrechung der Kühlkette: Hering, der so frisch schmeckt, als wäre er vom Fangschiff direkt in die Sahnesoße gehüpft. Die passenden Pellkartoffeln liegen bereits im Schrank. Beides zusammen ergibt am Karfreitag unser Abendessen.

Nach Wirisng mit Maronen, Süßkartoffeln und Datteln, die Renate und ich am nächsten Tag bei heftigen Schneetreiben servieren, gehen wir an Ostersonntag auf Ulrichs Empfehlung ins Kaminrestaurant Diogenes, wo Fotos von Horst Lichter, Cornelia Poletto und weiteren Köchen und einiges mehr an den Wänden neben den fünf Kaminen hängt. Was das Lokal zu einer ersten Adresse macht, ist allerdings weniger das ausgezeichnete Essen, das uns allen mundet, als vielmehr die umfangreiche Getränkekarte, die neben deutschem Whiskey auch eine Fülle von Schnaps, Bränden und Geistern umfasst.

In der Nacht zu Karfreitag war es so kalt, dass sich auf dem See an den geschützten Gebieten eine Eisschicht gebildet hat. Sie ist gerade so dick, dass sie beim Paddeln keine Probleme, dafür aber Spaß bereitet, wenn sie unter dem Bug krachend zu Bruch geht. Und wir lassen es nach Herzenslust krachen. Bei herrlichem Sonnenschein und steigenden Temperaturen geht es über den Vilzsee, Labussee, Gobenowsee und Klenzsee Richtung Wustrow. Bald erreichen wir die Schleuse, sind froh, dass die Schleusenwärterin uns bedient. Über einen winzigen Kanal gelangen wird schließlich zu unserem Pausenplatz mit einem idealen Steg zum Ein- und Austeigen. Die Sonne scheint kräftig und wir lassen es uns gut gehen. Alles ist sehr idyllisch und abwechslungsreich, vor allem die kleinen Verbindungskanäle, auf denen wir wie im Gänsemarsch hintereinander fahren müssen, sind reizvoll. Und am Himmel über uns kreist schon mal ein Adler. Ein Stück geht es denselben Weg zurück, dann wieder über die Drosedover Bek und den Rätzsee zurück.

Am nächsten Tag, es ist kaum zu glauben, brauchen wir dann statt Sonnenmilch den Südwester. Wir fahren nordwärts Richtung Mirow. Der Wind frischt wieder auf, wir wählen den Windschatten in Ufernähe. Ganz so weit ist unsere Tour nicht. Die Idee, noch ein Stück weiter zu paddeln und erst auf dem Rückweg ins verlockende Strandhotel einzukehren, findet immer weniger Anhänger. Aber ein Drittel der Gruppe begibt sich auch gleich auf die Rückfahrt. Eine wärmende Suppe tut aber gut. Am Abend sollen am Biergarten die Flammen des Osterfeuers vier Meter hoch schlagen. Als wir ankommen, qualmt es nach dem ganzen Niederschlag nur. Und am nächsten Morgen kündet der Scheiterhaufen von der Erfolglosigkeit dieses Unterfangens. Inzwischen hat sich eine dichte Schneedecke über das Land gelegt. 30, 40 Zentimeter sollen es werden. Bei angesagten Wind und kontinuierlichem Schneefall ziehen die meisten an Ostersonntag ein Kulturprogramm in dem Bilderbuchstädtchen Rheinsberg vor. Einige Unerschrockene gehen trotzdem aufs Wasser. So stark wie angesagt wird der Wind dann auch nicht.

Seit 1991 ist in dem 1566 erbauten Schloss, in dem Friedrich der Große mehrere Jahre lebte, eine Gedenkstätte für Kurt Tucholsky eingerichtet, die kontinuierlich zu einem sehenswerten Museum ausgebaut wurde. Anknüpfungspunkt ist die 1912 entstandene Erzählung „Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte“, was für die damalige Zeit ein großer Erfolg wurde. Die Verfilmung mit Cornelia Froboess und Christian Wolff läuft hier in Endlosschleife. Die Ausstellung thematisiert auch die Zeit, nachdem Tucholsky ausgebürgert, seine Bücher verbrannt und er als Jude ins Exil fliehen musste. Er verbrachte die letzten Jahre in Schweden, bezeichnete sich bitter als einen „aufgehörten Deutschen und aufgehörten Dichter“. An einen Freund schrieb er: „Daß unsere Welt in Deutschland zu existieren aufgehört hat, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Und daher: Werde ich erst amal das Maul halten. Gegen einen Ozean pfeift man nicht an.“

An Ostermontag haben wir noch einmal herrlichen Sonnenschein und wollen die Zeit auf dem Wasser möglichst intensiv nutzen, statt auf der Autobahn im Stau festzusitzen. Über den Schwarzer See geht’s an den Fehrlingsee. Die weiß-gescheckten Bäume am Ufer halten wir aus der Entfernung erst für Birken. Dann stellt sich aber heraus, dass es sich nur um Schnee handelt, der an der Wetterseite an der rauen Rinde haften geblieben ist. An der Pausenstelle vor einem italienischen Restaurant scheint verlockend so die Sonne, dass wir sie draußen genießen, einen letzten Schneemann bauen und ihm ein Paddel in den Arm stecken. Insgesamt trotz einiger Wetterkapriolen waren das doch herrliche erlebnisreiche Tage.

Text: Steffen Tost

Teilnehmer: Mark, Meike, Detlev, Sabine, Svend, Sabine, Uwe, Silke, Andreas, Ulrich, Kersten, Renate, Steffen

Fotos: Silke Brünjes, Marc Krüger, Detlev Kalter